Dienstag, 23. Dezember 2025
Es war der Heiligabend, an dem es kein Land gab. Das alte war weg. Das neue war noch nicht da. Die Vergangenheit war zu Ende. Was kam, konnte nur Zukunft sein. Das letzte Bild meiner Vergangenheit waren in der Ferne helle Christbäume. Breslau wurde bombardiert. Es sah schön aus. Die russischen Sieger besetzten das Land. Der Führer sagte ein Jahr vorher: Wir müssen uns gegen Russland verteidigen. Kanzler Merz sagt heute: Wir werden uns wieder gegen Russland verteidigen müssen. Er sagt tatsächlich: wieder. In der ersten Friedensweihnacht schenkte mir Mutter ein Leibchen. Ein Leibchen war ein Mieder mit Strumpfhaltern, an die dicke Wollstrümpfe geknüpft wurden. Im Leibchen hätte ich den Weihnachtsmann verschrecken können. Aber an jenem heiligen Abend vor 80 Jahren kam kein Weihnachtsmann. Männer lagen noch auf unaufgeräumten Schlachtfeldern oder waren in Gefangenschaft oder konnten keinen Sack tragen, weil ihnen der Feind die Arme weggeschossen hatte. Mutter sagte, als sie mir das Leibchen schenkte: Junge, nächstes Jahr wirds besser. Das ist ein schöner Satz. Glücklich die Zeiten, in denen man so einen Satz sagen kann. Irgendwann kam das Jahr, in dem es besser wurde. Vater kam aus der Gefangenschaft. Ich kannte ihn nicht. Ich habe ihn nie gefragt, wo er herkam. Aber er hatte noch zwei Arme. Mit denen spielte er am ersten Heiligabend, an dem wir wieder Familie waren, Klavier und sang dazu "O Jesulein zart". Auf dem Klavier stand eine Leninbüste. Deshalb klirrten die Saiten beim Jesulein zart. Vater war Kommunist. Sein Leben bestand aus viel Arbeitslosigkeit und viel Krieg. Als in Ruinen das Alexandrow-Ensemble "Im schoonstn Wiesängruuhundä" sang, weinte mein Vater.
Es war das Jahr, in dem ein geteiltes Land entstand. Der Teil, in dem ich lebte, nannte sich Arbeiter- und Bauernstaat. Dass die Schwachen die Starken werden, fand mein Vater gut. Das Eigentum gehörte jetzt dem Volk. Vater lief auf der einsamen Straße den Pferdewagen hinterher und sammelte Pferdeäppel für seinen Kleingarten, Mutter kochte uns Kartoffelschalensuppe, auf dem Markt drehte sich ein Karussell, Junglehrer Hänsel ließ mich einen Aufsatz schreiben: Wie können wir Generalissimus Stalin für die schönen Brötchen danken, die wir in der Schule erhalten? Am 1.Mai stellten wir in einem Eimer frisches Birkengrün vor die Haustür, und die Blaskapelle blies "Du hast ja ein Ziel vor den Augen". Wir waren glücklich. In westdeutschen Filmen wird man später erzählen, dass es ein Schreckensregime war. Geschichtsschreibung ist ein hart umkämpftes Terrain.
Das kleine Land war übersichtlich. Hier der Freund, dort der Klassenfeind. Wer sich so nicht einrichten konnte, verließ das Land. Mein Freund saß wegen Republikflucht in einem Stasikeller. Die Partei wusste: Der Sozialismus siegt gesetzmäßig. Aber die Gesetze wussten das nicht. In der Zeitung stand: Unser Weg ist richtig. Irgendwann bog der Weg falsch ab. Irgendwo ging auf dem Weg die Zukunft verloren. Ich hatte an einen gerechten Sozialismus geglaubt. Als der Rechtsstaat siegte, glaubte ich, er sei ein Gerechtsstaat. Es reicht doch nicht, nur noch an den Weihnachtsmann zu glauben. Zumal das ein Roter ist, würde mein Fleischer sagen. Die Russen mussten aus dem "schoonsten Wiesengruuhundä" nach Russland abziehen. Sie wurden nicht mehr gebraucht. Dass sie nochmal für einen Krieg gebraucht werden, hätte ich nicht geglaubt. Die Alteigentümer besetzten mein Land. Von Karl Marx besaßen sie das Kapital. Wir besaßen nur das Manifest. Vater hatte am Ende des für ihn richtigen Wegs seine Träume verloren. Wenn ein Mensch die Kraft zu träumen verliert, verliert er die Kraft zu leben.
Als ich vor achtzig Jahren am Heiligvormittag vom Fleischer heimging, mit einer Blechkanne voller Wurstbrühe, ging ich an Häusern vorüber, an deren Wände Einschusslöcher mir die Gewissheit gaben: Nun ist Frieden. Die Löcher wurden verputzt. Der Florian wird zum Lichterfest singen "Aber Heidschi Bumbeidschi Bum Bum" ...
