Freitag, 27. März 2026
Die Herkuleskeule wird am ersten Mai-Wochenende 65. Das wird mit einem musikalischen Rückblick, Politiker-Talks und einem Streitgespräch über Meinungsfreiheit zwischen Wolfgang und Philipp Schaller gefeiert – dem einstigen und dem aktuellen Künstlerischen Leiter der Herkuleskeule. Dazu haben sich die beiden schon vorab zumindest ein bisschen gestritten:
„Dass ihr euch traut, das zu sagen“, steht im Gästebuch der Herkuleskeule. In der DDR dachten das sicher auch viele im Saal, trauten sich aber nicht, es ins Gästebuch zu schreiben ... Was ist passiert, dass wir im 65. Jahr der Keule wieder an einem solchen Punkt sind?
Wolfgang Schaller: Wenn der Kulturstaatsminister den Verfassungsschutz bemüht, um im Rahmen der Buchmesse in Leipzig drei Buchhandlungen abzustrafen, wird die Kunst- und Meinungsfreiheit in der Freiheit eine Farce. In der Diktatur hat die Stasi einen Text verboten, der noch gar nicht auf der Bühne war, sondern nur in einem Brief stand, den ich an meinen Freund Peter Ensikat geschickt hatte. Da muss ich fragen, ob etwa heute wieder der Staatsschutz in meinen Texten schnüffelt.
Das halten Sie wirklich für möglich?
Es landet ja keiner wie einst im Bautzner Gefängnis. Aber die Gedankenmörder sind schon am Werk, in den Redaktionsstuben und Meinungsmacheretagen. Meist ist es Selbstzensur. Gedankenselbstmord.
Philipp Schaller, wie geht man damit um, auf Social Media als „Putins Nutte“ bezeichnet zu werden, nur weil man in einem Programm für Frieden zwischen Russland und der Ukraine eintritt?
Als Sprachsensibler tut mir das weh! Wenn, dann bin ich Putins Sexarbeiter …
Was ist passiert, dass ausgerechnet diejenigen, die nach Frieden rufen, rechts sein sollen und Linke nach Aufrüstung geifern?
Wolfgang Schaller: Das sind Klischees. Da gehört für mich die regierende Mitte, die den Frieden nur durch Aufrüstung erreichen will, zu den gefährlichsten Irrlichtern im Dunkeln.
Philipp Schaller: Vor allem „rechts“ ist ein Stempel geworden, damit man sich mit den Menschen nicht mehr auseinandersetzen muss. Abgestempelt, abgeheftet. Jeder muss selbst entscheiden, ob er das mitmacht. Stempel sind dazu da, Anträge zu genehmigen oder abzulehnen. Aber nicht Menschen.
Und was macht das mit jemandem, der als Kind das Bomben und Morden eines Krieges tatsächlich noch miterleben musste?
Wolfgang Schaller: In der Friedensbewegung sind einst Millionen gegen das Wettrüsten auf die Straße gegangen. Experten fabulieren heute bei Lanz, welche Drohnen am treffsichersten töten - und wir sitzen auf dem Sofa und beklagen die Vergeblichkeit jeglichen Aufbegehrens. Ich sitze am Schreibtisch und schreibe, wie mich Mutter im Luftschutzkeller auf den Arm hielt. Und ich weiß um die Vergeblichkeit meiner Worte. Trotzdem schreibe ich.
Woher kam zu DDR-Zeiten der Mut, die im kleinen Land gesetzten großen Denk-Grenzen auf der Kabarettbühne zu überschreiten?
Wolfgang Schaller: Der Kabarettist Werner Fink sagte, Kabarett habe nur Sinn in der Diktatur. Es war die Lust, subversiv zu sein. Das senile Politbüro zu meinen, wenn wir Opas Turnverein besangen, einen Freund zu grüßen, der republikflüchtig war. Tabus brechen, damit es keine Tabus bleiben. Ach, und man wurde so schrecklich ernst genommen, das war schön.
Und woher nimmt man heute den Antrieb, sich Angriffen auszusetzen – zum Beispiel im Saal?
Philipp Schaller: Der Großteil des Publikums greift ja nicht an. Die meisten haben, wie wir, die Nase voll vom Schwarz-Weiß-Denken. Das müssen wir stärken, durch bessere Gespräche. Und Kabarett ist – wie jede Kunst - Dialog. Also: Mein Antrieb ist die Lust auf Dialog.
Man durfte ja nach der Wende plötzlich alles sagen. Woher kam die Energie, trotzdem weiter Kabaretttexte zu schreiben?
Wolfgang Schaller: Ich kann ja gar nichts andres. Mich kann keiner mehr umtopfen.
Philipp Schaller, Sie sind überzeugt, dass es derzeit eigentlich eine perfekte Zeit für politisches Kabarett ist. Warum?
Solange Blindgänger wie Strack-Zimmermann und von der Leyen nicht weggeräumt sind, verstehe ich uns als Kampfmittelbeseitigungsdienst. Da wir ja aber Stempel ablehnen, stehen wir vor einem Problem. Der Spaß besteht also darin, als Sprengmeister differenziert zu sprengen.
Die ewige Frage: Kann Kabarett etwas bewirken?
Wolfgang Schaller: Ich durfte mit meinem Jugendkabarett vor 50 Jahren sozusagen als Auszeichnung an der Berliner Parteihochschule auftreten. Ich sang dort ein Lied über die formale Seite der deutsch-sowjetischen Freundschaft. Noch vor Liedende war der Saal leer. Die treuen Genossen hatten ihn aus Protest verlassen. Mehr Wirkung kann man sich nicht wünschen.
Philipp Schaller: Dazu brauchst du heute keine Parteischule. Heute fliegt ein Bierglas auf die Bühne, wenn irgendjemandem irgendwas nicht gefällt.
Wolfgang Schaller: Die Argumente sind heute härter geworden.
Auch Kultur muss sich mittlerweile rechnen, wenn sie überleben will, wie schaffen Sie diesen Spagat?
Philipp Schaller: Ich kann keinen Spagat.
Wolfgang Schaller: Früher gab es die ideologische Zensur. Die konnte man überlisten. Heute gibt es die ökonomische Zensur, die kann man nicht überlisten. Wenn der Saal nicht voll ist, ist die Kasse leer. Manche glauben deshalb, je leerer der Inhalt, umso voller der Saal. Kabarett wird Wellness. Sich so lange auf die Schenkel klatschen, bis der Kopf zwischen den Schenkeln steckenbleibt. Es heißt: Das politische Kabarett sei tot. Wenn das stimmt, dann gibt es in der Keule allabendlich eine Leichenfeier mit Lust am Denken.
Wohin muss sich die Herkuleskeule entwickeln, wenn sie überleben will?
Wolfgang Schaller: Kabarett ist kein Modeinstitut. Die Mächtigen hinterfragen und den Ohnmächtigen Mut machen zur Zivilcourage, wenn das unmodern ist, bin ich gern unmodern. Wir wollen ja gefallen, aber Kabarett darf nicht gefällig werden. Philipp ist mit seinen Texten ein Garant für politisches Kabarett. Wenn ich mir was wünschen dürfte: Dass er sich von den ökonomischen Zwängen nicht in die Knie zwingen lässt. In meinem Alter geht das sowieso nicht, da machen meine Knie nicht mehr mit.
Philipp Schaller: Des Vaters Wunsch ist mir Befehl.
Wolfgang und Philipp Schaller streiten am 3. Mai, 16 Uhr, in der Herkuleskeule unter dem Motto „Lachen in Zeiten der Cholera“ über Meinungsfreiheit.